Aus der Thurgauer Presse

Jungvögel kommen alleine klar


Ein junger Gimpel. Die Eltern betreuen den Jungvogel auch ausserhalb des Nestes.

(Bild: PD/Marcel Burkhardt)

Ein kleiner Vogel, offenbar verlassen und hilflos, auf der Terrasse:
kein seltenes Bild dieser Tage. Dennoch benötigen die Jungvögel in den meisten Fällen keine menschliche Hilfe.

Sebastian Keller18.6.2018


Beim Vogelschutzverein Kreuzlingen und Umgebung laufen dieser Tage die
Drähte heiss. «Uns rufen Personen an, die auf ihrem Sitzplatz oder ihrer
Terrasse einen verletzten Vogel vorzufinden glauben.» Das sagt Walter
Lüthi, Co-Präsident des Vogelschutzvereins. «Die Leute fragen sich, wie sie
ihm helfen können.» Doch nach der Klärung der Situation kann Lüthi in den
meisten Fällen entwarnen: Bei den Tieren auf dem Sitzplatz handle es sich
meist um Jungvögel, die das Nest verlassen haben, aber noch nicht richtig
fliegen können.

«Ein Eingreifen des Menschen ist aber nicht nötig», sagt Lüthi. «Die Jungvögel werden auch ausserhalb des Nestes von den Altvögeln umsorgt und gefüttert.»

Das bestätigt auch die Schweizerische Vogelwarte Sempach. Die Stiftung, die sich der Vogelkunde und dem Vogelschutz verpflichtet hat, gibt deshalb jedes Jahr während der Brutzeit eine Medienmitteilung zum richtigen Umgang mit Jungvögeln heraus. Mediensprecher und Biologe Livio Rey sagt: «Die Jungvögel sehen zwar hilflos aus, aber sie brauchen meist keine  Hilfe.»

Jungvögel sind auch keine Haustiere

Einen kleinen Vogel in die Obhut zu nehmen, davon raten beide ab.

Einerseits ist es gesetzlich verboten, ohne Bewilligung Vögel aufzuziehen. Andererseits können Menschen dem Vogel nicht das richtige Nahrungsangebot bieten. «Wir können den Vögeln zudem nicht alles beibringen, was sie zum Überleben in der Wildnis brauchen», sagt Walter Lüthi. Das können selbst Pflegestationen nicht leisten. Die Überlebenschancen der Vögel sinken, wenn sie mit menschlicher Hilfeaufwachsen.

Diese sind ohnehin schon gering: Nur etwa jeder zweite Jungvogel überlebt. Es gibt aber doch Situationen, in denen eine helfende Hand für Jungvögel angebracht ist. Etwa, wenn Gefahr von Autos oder Katzen droht.
Der Co-Präsident des Kreuzlinger Vogelschutzvereins rät in diesem Fall: «Einen Jungvogel von oben ergreifen und in den nächstgelegenen Busch tragen.» Lüthi räumt in diesem Zusammenhang mit einer Mär auf: Die Jungvögel werden nicht von den Eltern verstossen, wenn sie einmal von einem Menschen angefasst worden sind. Das bestätigt auch Livio Rey: «Menschengeruch ist kein Problem.»

Wenn der Vogel nicht voll befiedert ist

Ein weiteres Einschreiten kann nötig sein, wenn das Tier noch nicht aussieht wie ein Vogel. «Wenn der Jungvogel noch nicht voll befiedert ist oder die Augen geschlossen hat», sagt Livio Rey.

In einem solchen Fall empfehle sich ein Anruf bei einer lokalen Pflegestation oder der Vogelwarte   Sempach, die entsprechende Kontakte vermittelt. Walter Lüthi und Livio Rey sind froh, wenn sich die Leute bei Unsicherheiten melden. «Es ist auf jeden Fall gut, zuerst nachzufragen und dann zu handeln», betont Rey.

Thurgauer Zeitung 18.6.18

Schutz der Mehlschwalbe klappt

Eine Mehlschwalbe an einem Kunstnest beim Füttern der Jungen. (Bild: PD)

BILANZ ⋅ Seit Januar 2017 sind die Mehlschwalben und ihre Nester im Kanton Thurgau ganzjährig geschützt. Im ersten Jahr zeigte sich, dass vor allem bei Sanierungen und Renovationen Fragen auftauchen.  

5. Januar 2018, 06:29

In der Vergangenheit galten sie als Glücksbringer und waren gern gesehene Gäste an Haus und Hof: die Mehlschwalben. Immer im Frühling, meist Mitte März, kehren sie aus ihrem Winterquartier in West- und Zentralafrika zurück und beginnen, ihre Nester zu bauen und zu brüten. Meist fallen sie auf, weil sie gerne in Kolonien brüten, am liebsten an Hausfassaden in Dörfern und Weilern oder nahe an Gewässern, an geschützten Stellen zwischen Dachuntersicht und Fassade.

Seit einiger Zeit sind die Mehlschwalben in der Schweiz jedoch selten geworden. In den letzten Jahrzehnten haben die Bestände derart abgenommen, dass die Art auf der roten Liste den Status «potenziell gefährdet» trägt. Im Kanton Thurgau ist die Mehlschwalbe inklusive ihrer Nester deshalb seit Januar 2017 ganzjährig geschützt. Gemäss der Verordnung des kantonalen Natur- und Heimatschutzgesetzes ist es untersagt, die dort aufgeführten Tierarten zu töten, zu verletzen oder zu fangen sowie ihre Eier, Larven, Puppen, Nester oder Brutstätten zu beschädigen, zu zerstören oder wegzunehmen.

Bei Arbeiten an Fassaden ist Vorsicht geboten

Nach einem Jahr des verstärkten Schutzes der Mehlschwalben und ihrer Nester zieht das kantonale Amt für Raumentwicklung eine erste positive Bilanz. Die zuständige Abteilung Natur und Landschaft wurde laut einer Mitteilung in sechs Fällen einbezogen, in denen es um konkrete Schutzfragen ging. Diese tauchen meist bei der Sanierung oder Renovation von Hausfassaden auf, weil das Entfernen von Mehlschwalben-Nestern verboten ist. Sind Renovationsarbeiten an einem Gebäude mit solchen Nestern geplant, ist der Kontakt mit der kantonalen Abteilung zu suchen. Weil die Mehlschwalben nach ihrer Ankunft im Frühling brüten und ihre Jungen aufziehen, sind Bauarbeiten an Hausfassaden mit Mehlschwalben-Nestern nur von Mitte September bis Ende März möglich. Im Anschluss an die Renovation müssen künstliche Nester als Ersatz montiert werden, da die Zugvögel jedes Jahr an ihren Brutstandort zurückkehren.

  Vermehrt suchen die Mehlschwalben auch passende Nistmöglichkeiten an Neubauten, weil Viehställe aufgegeben werden oder alte, grobkörnige Hausfassaden renoviert werden. Brütet eine ganze Kolonie am Haus, kann dies zu Verschmutzungen an der Hausfassade führen – es sei denn, man bringt rechtzeitig Kotbretter im Abstand von ca. 60 bis 70 Zentimeter unterhalb der Nester an. (red)  

Weitere Informationen finden Hausbesitzer und Interessierte im Merkblatt des Schweizer Vogelschutzes.       www.birdlife.ch

aus THURGAUER ZEITUNG vom 5. Jan. 2018

Das Froschkonzert bleibt aus

 

Park Werk Zwei: beispielhafte extensive Gestaltung. (Bild: Max Eichenberger)

ARBON Grüne Lungen sind lebenswichtig. Die Biologen Laurenz Winkler und Erica Willi zeigen auf, warum Wiesen besser sind als Rasen.

25. November 2017 : Hedy Züger

Weder verkleben Mücken neuerdings unsere Autoscheiben, noch surren sie nachts um unsere Ohren. Das lässt aufhorchen. Laurenz Winkler und Erica Willi berichten an einem Informationsabend über die städtischen Grünanlagen, dass der Uhu nicht mehr im Simishölzli hockt, die Schleiereule nicht mehr nach Kratzern kommt und das Froschkonzert am Philosophenweg seit manchem Frühling ausfällt. Diese Beobachtungen gäben zu denken.

Aufnahmen aus Quartieren belegen Verarmung

Im SP-Lokal ging es den beiden Referenten vor einer grösseren Zuhörerschaft darum, negative und positive Zeichen und Entwicklungen aufzuzeigen – und Eigeninitiative anzustacheln. «Die Nachkommen sollen doch auch noch Vögel und Grünräume er­leben.» Laurenz Winkler und Erica Willi verwiesen auf Handlungsfelder hier und beispielhafte ­Aktivitäten dort. In Städten wie ­Zürich und Basel wurde erkannt, dass das Aussterben von Vögeln und Insekten – ihre Bestände sind dramatisch am Schwinden – die Menschen selber gefährdet. «Es ist nicht einfach, diese Entwicklung zu stoppen, denken wir ­darüber nach.» Der Begriff Bio­diversität schliesst alles Leben und alle Tier- und Pflanzenarten ein. Die Umsetzung von Vereinbarungen werde auch bei uns vernachlässigt, so Winkler. Seine Aufnahmen aus den Quartieren sind klare Beweismittel. «Biodiversität erbringt aber unverzichtbare Leistungen für die Wirtschaft und die Gesellschaft», sagt er. Es gehe auch um unsere Gesundheit.

Einfacher ist oft besser und unterhaltsarmer

Was zu tun sei: Nichts mehr zubetonieren, natürliche Böden erhalten, für Parkflächen offene Steine verwenden, Hecken aus diversen Gebüschen gestalten. In intensiv genutzten Gebieten ist für Ausgleich zu sorgen: für kleine Grünflächen und grosse Bäume. Die Stadt muss sparen? Diesem Einwand setzte Erica Willi gerechnete Beispiele von Blumenbeeten mit Wechselflora kontra Grünflächen mit Gehölz entgegen. Diese brauchen, ebenso wie Blumenwiesen statt Rasen, weniger Pflege, was die Kosten halbiert. Verbliebene Grünräume sind zu erhalten, nicht zu überbauen, auch nicht mit Park­feldern, die kein Regenwasser schlucken können. Schulen und Kirchgemeinden schliessen bei den Biologen gut ab. Positiv fallen die Grünstreifen an der NLK auf, besonders in der Blütezeit. Honig- und Wildbienen fliegen diese ­Adresse an.

aus THURGAUER ZEITUNG  25. Nov.2017

Der Vogelschutz Kreuzlingen: Aktiv für Artenförderung

23.11.2017

Über 700 Nisthöhlenkästen werden in Kreuzlingen und Umgebung jeden Herbst von freiwilligen Helferinnen und Helfern gereinigt, damit sie für die neue Brut im nächsten Frühjahr frei sind von Milben und anderem Ungeziefer. So wird der Verlust an natürlichen Brutplätzen teilweise kompensiert. 

Bild: WL Spatzennest mit Hühnerfedern verziert

Kreuzlingen Die Nistkastenreinigung ist eine anstrengende, aber wirkungsvolle Arbeit mit weiten Fusswegen, dem Transport von Leiter und Werkzeug, der Beseitigung von Staub und der Entsorgung der alten Nester. «Wir stellen viele erfolgreiche Bruten fest. Es war ein gutes Meisenjahr», berichtet eine erfahrene Vogelschützerin des Vogelschutzvereins Kreuzlingen und Umgebung. Die Nester werden analysiert und die Entwicklung der Fun de über Jahre hinweg verglichen: Ernüchternd ist der Rückgang bei einigen früher weitverbreiteten Arten wie dem Spatz. Erfreulich ist die Zunahme von Meisen- und Hausrotschwanzbruten dank verstärkter Schutzbemühungen. Aktuell werden in einem Neubaugebiet und auf dem Klinikareal in Münsterlingen zahlreiche neue Nisthöhlenkästen aufgehängt.  

Tierhaare, Fasern oder Moos

Mit ihrer Sachkenntnis können die Vogelschützer die gefundenen Nester entsprechenden Vogelarten zuordnen: die Spatzen bauen üppige Federnester, die Meisennester sind mit Wolle weich ausgepolstert und die Kleiber begnügen sich mit Rindenschnitzeln. In den sorgfältig gewobenen Nestern finden sich die Materialien wieder, welche die Umgebung den Vögeln bietet: Wolle, Tierhaare, Fasern, Moos und Ästchen. Manchmal treffen die VogelschützerInnen auch auf überaschende Bewohner wie Hornissen, Hummeln, Siebenschläfer und Fledermäuse. Auch tote Vögel oder nicht ausgebrütete Eier werden vorgefunden, was aber nicht besorgniserregend ist, denn die Singvögel legen pro Brut zahlreiche Eier.

Störfaktoren in der Umgebung

Der Vogelschutzverein informiert, dass das Brutverhalten der Vögel ein wichtiger Indikator für die Biodiversität der Umgebung ist. Im Wald seien die Brutverhältnisse intakt, in der Stadt würden zunehmend leere Nistkästen angetroffen. «Die Gründe dafür sind Störfaktoren in der direkten Umgebung: versiegelte Flächen, hermetische Isolation der Gebäude, insektenarme Hecken, wenige Verstecke oder sichere Warten, mangelnder Schutz vor Katzen, Bautätigkeit, steril gestaltete Gärten und Rasen», so die Vogelschützerin. In vogelfreundlichen Gärten wachsen einheimische Sträucher, die Früchte tragen und gute Verstecke bieten. Im Herbst und Winter bieten stehengelassene Hülsen und Samenstände von Stauden den Vögeln optimale Nahrung.

Der Vogelschutz Kreuzlingen wird an seinem Stand beim Kreuzlinger Gartentag im April 2018 anwesend sein und über die Zusammenhänge zwischen Gartengestaltung und Förderung der Singvögel informieren. Vielleicht haben auch Sie Freude am Vogelschutz oder möchten einen Nistkasten in ihrem Garten platzieren? Auf der Homepage des Vogelschutz Kreuzlingen und Umgebung finden Sie weitere Auskünfte und Veranstaltungen: Willkommen

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